Bild: Justitia am Justizpalast München (Foto: Waugsberg), CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Drei Begriffe, die im Alltag oft durcheinandergeraten, mit unterschiedlichen Folgen für die Anerkennung eines Gutachtens. Rechtlich ist für die meisten Gutachten keine bestimmte Qualifikation vorgeschrieben, in der Praxis verlangen viele Finanzämter aber eine öffentliche Bestellung oder akkreditierte Zertifizierung. Hier der direkte Vergleich.
Bestellung, Zertifizierung und Verband auf einen Blick
| Öffentlich bestellt & vereidigt | Akkreditiert zertifiziert (DIN EN ISO/IEC 17024) | Mitgliedschaft mit Qualifikationsvoraussetzung (BVS; Anwärter möglich) | Mitgliedschaft nach Nachweisprüfung (BDSF, BVFS) | |
|---|---|---|---|---|
| Wer prüft? | Bestellungskörperschaft (IHK oder andere Kammer) nach Prüfung durch ein Fachgremium | DAkkS-akkreditierte Zertifizierungsstelle | Verband prüft den Nachweis von Bestellung, hoheitlicher Beleihung oder akkreditierter Zertifizierung; Antragsteller bis zur Entscheidung als Anwärter bzw. Gast | Verband prüft eingereichte Qualifikationsnachweise (beim BDSF: Glaubhaftmachung einer überdurchschnittlichen Qualifikation, Entscheidung des Vorstands) |
| Rechtsgrundlage | § 36 GewO bzw. Landesrecht, Sachverständigenordnung | Internationale Norm für Zertifizierungsstellen, DAkkS-Akkreditierung | Vereinssatzung | Vereinssatzung |
| Prüfungsinhalt | Besondere Sachkunde, Probegutachten, Fachgespräch | Schriftliche/mündliche Prüfung, Gutachten | Keine eigene Prüfung; vorausgesetzt wird die Bestellung, Beleihung oder akkreditierte Zertifizierung | Keine Prüfung; Bewertung eingereichter Nachweise (z. B. Tätigkeits-/Fortbildungsnachweise) |
| Gültigkeit | Befristet (i. d. R. 5 Jahre), Verlängerung | Befristet, Rezertifizierung + Überwachung | An Bestellung/Zertifizierung gebunden; Anwärterstatus nur vorübergehend | Je nach Satzung |
| Regelvermutung § 198 Abs. 2 BewG | Ja | Ja | Nein (maßgeblich ist die zugrunde liegende Bestellung/Zertifizierung) | Nein |
| Praxis Finanzamt (z. B. Restnutzungsdauer, Kaufpreisaufteilung) | Breit akzeptiert | Breit akzeptiert | Maßgeblich ist der zugrunde liegende Nachweis; ohne ihn eher Rückfragen | Eher Rückfragen |
| Gerichte | Bevorzugt (§ 404 Abs. 3 ZPO) | Gericht prüft Sachkunde im Einzelfall | Gericht prüft Sachkunde im Einzelfall | Gericht prüft Sachkunde im Einzelfall |
| Banken/Beleihung | Qualifikation vermutet (§ 6 BelWertV) | Qualifikation vermutet (§ 6 BelWertV), häufig erwartet (HypZert F) | Keine Vermutungswirkung der Mitgliedschaft | Keine Vermutungswirkung |
| Öffentliches Register | svv.ihk.de bzw. Auskunft der bestellenden Kammer | Verzeichnis der Zertifizierungsstelle | Mitgliederverzeichnis des BVS (mit Vermerken wie Anwärter) | Mitgliederliste des Verbands |
Was „Anwärter“ im BVS-Verzeichnis bedeutet
Der BVS führt Antragsteller vorübergehend als Anwärter bzw. Gast, bis über ihre öffentliche Bestellung oder Zertifizierung entschieden ist. Steht im BVS-Verzeichnis der Vermerk „ö.b.u.v.-Anwärter (angestrebt)“, strebt die Person eine öffentliche Bestellung an; eine öffentliche Bestellung liegt demnach noch nicht vor. Stempel-Check weist solche Einträge als Anwärter (Bestellung angestrebt) aus. Eine akkreditierte Zertifizierung ist damit nicht ausgeschlossen: Finden wir sie in einem anderen Register, erscheint sie als anerkannter Qualifikationsnachweis.
Vermerkt das Verzeichnis eine erloschene Bestellung, etwa altersbedingt, zeigen wir Frühere Bestellung erloschen. Wer den Nachweis für Finanzamt oder Bank braucht, lässt sich die aktuelle Bestellungsurkunde bzw. das Zertifikat zeigen.
Warum die Unterscheidung so wichtig ist
Ein Gutachten kostet oft einen vierstelligen Betrag. Wird es von Finanzamt, Gericht oder Bank beanstandet, kostet das Zeit und unter Umständen ein zweites Gutachten. Eine häufige Ursache: Der Auftraggeber hat „Sachverständiger“ mit „qualifiziert“ gleichgesetzt. Mit einem öffentlich bestellten oder akkreditiert zertifizierten Gutachter sind Sie auf der sicheren Seite; beide Nachweise gelten am Markt als Qualitätssiegel.
Verbände leisten wertvolle Arbeit in Fortbildung und Vernetzung. Die Mitgliedschaft selbst ist aber kein gesetzlicher Qualifikationsnachweis; maßgeblich ist die zugrunde liegende Bestellung oder Zertifizierung. Deshalb weist Stempel-Check Verbandsmitgliedschaften als eigene Nachweisart Verbandsmitgliedschaft aus und unterscheidet dabei, wie der Verband aufnimmt. Zertifikate mit ISO-Bezug, aber ohne ausgewiesene Akkreditierung erscheinen amber gestrichelt als ISO-Bezug ohne Akkreditierung. Eine Bestellung oder akkreditierte Zertifizierung für ein anderes Sachgebiet (etwa „Mieten und Pachten“) behält ihre Farbe (blau bzw. grün), zählt aber nicht als anerkannter Nachweis für Immobilienbewertung. Unterschiedliche Qualifikationen setzen wir nicht gleich.
Und wenn jemand beides hat?
Viele öffentlich bestellte Sachverständige sind zusätzlich zertifiziert oder Verbandsmitglied. Das ist ein gutes Zeichen, maßgeblich bleibt aber die Bestellung bzw. die akkreditierte Zertifizierung. Auf den Detailseiten von Stempel-Check sehen Sie alle Nachweise einer Person nebeneinander, jeweils mit Link zur Primärquelle.
Häufige Fragen
Was bedeutet „vereidigt“?
Der Sachverständige hat gegenüber der Kammer den Eid geleistet, seine Aufgaben unabhängig, weisungsfrei, gewissenhaft und unparteiisch zu erfüllen. Verstöße können zum Widerruf der Bestellung führen.
Ist ein BVS-Anwärter öffentlich bestellt?
Nein. Der BVS führt Antragsteller vorübergehend als Anwärter bzw. Gast, bis über Bestellung oder Zertifizierung entschieden ist. Ein im Verzeichnis als Anwärter geführter Sachverständiger ist demnach noch nicht öffentlich bestellt. Wenn Sie den Nachweis für Finanzamt oder Bank brauchen, lassen Sie sich Bestellungsurkunde bzw. Zertifikat zeigen.
Gibt es öffentlich bestellte Sachverständige ohne IHK?
Ja, je nach Sachgebiet und Landesrecht bestellen auch Architekten-, Ingenieur- oder Landwirtschaftskammern sowie einzelne Landesbehörden. Für die Immobilienbewertung ist die IHK der Regelfall. Die Bestellung ist unabhängig von der Körperschaft gleichwertig; im Zweifel gibt die bestellende Kammer Auskunft.
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Dieser Ratgeber dient der Orientierung und ersetzt keine Rechts- oder Steuerberatung.